FI: Forgestellt & Inspiration

FORGESTELLT: Ramona Pingel, freie Lektorin und Mitgründerin des Verlags Wenn Nicht Jetzt

14. Oktober 2019

Wenn gerade keine Reise ansteht, fiebere ich nur zu gerne mit anderen Abenteurern mit und folge ihren spannenden Reiseberichten. Aus diesem Grund bin ich auf den Wenn Nicht Jetzt Verlag und die Mitgründerin Ramona Pingel gestoßen. Im Frühjahr 2017 hat Ramona mit einem guten Freund entschieden, mit einem Wohnmobil durch Europa zu reisen. Und das für 13 Monate. Auf der Reise haben sie sich ineinander verliebt, gemeinsam ein Buch geschrieben und einen Verlag gegründet. Eine tolle Geschichte und ein großartiger Name für den Verlag, denn für mich sollte «Wenn Nicht Jetzt» für viele Bereiche als Motto dienen. Wie sie die Reise verändert hat und über Gänsehautmomente berichtet sie uns heute.

Liebe Ramona, ohne welche fünf Gegenstände kannst du auf keinen Fall eine Reise antreten?

Hm, knifflig … Was ich tatsächlich bei jeder Reise dabei habe, ist mein absolutes Lieblingsbuch seit vielen Jahren: „Das Hotel New Hampshire“ von John Irving. Denn sollten die anderen Bücher, die ich mithabe, Mist sein, so weiß ich, dass ich zumindest ein gutes Buch im Gepäck habe, das ich immer wieder gerne lese. Musik find ich wichtig: Die eigenen Lieblingssongs sorgen für gute Laune und man fühlt sich in der Fremde überall gleich wie Zuhause. Mein Tagebuch darf auch nicht fehlen, um all die vielen Eindrücke und Erinnerungen festzuhalten und zu verarbeiten; und natürlich eine Kamera (ich kann Stunden damit verbringen, am Strand zu sitzen und Bilder von Wellen zu schießen …). Mit dem Wohnmobil würde ich auch nie wieder ohne Panzertape und Draht verreisen. – Damit konnten wir uns aus manch dummer Lage selbst befreien.

Ansonsten war eins der größten Learnings der Reise, dass man einfach immer viel zu viel Krempel dabeihat. Die Hälfte meiner Klamotten habe ich beispielsweise ungetragen wieder mitgebracht. „Man braucht nicht viel zum Glücklichsein“ – weiß man, muss man aber wohl erst selbst erleben, um es wirklich zu glauben.

Welches Land zieht dich immer wieder magisch an und weshalb?

Norwegen. Wegen der Trolle! 😉
Ich weiß nicht so genau wieso, denn ich bin eine unglaubliche Frostbeule und eigentlich nur glücklich, wenn ich barfuß laufen kann und eine warme Sommerbriese die Blätter der Bäume zum Rascheln bringt. Skifahren und nasse Füße finde ich doof. Trotzdem war ich schon immer von Norwegen fasziniert, hab viele Geschichten gelesen, die dort spielen und wollte immer unbedingt mal dahin. Und es war auch so, wie ich es mir vorgestellt hatte: wild, weit, unberechenbar, atemberaubend schön, ein bisschen mystisch und trotz (oder vermutlich eher wegen) der Kälte sehr gemütlich und heimelig. Da muss ich noch mal hin!

Du hast dich gleichzeitig mit dem Schritt in die Selbständigkeit entschieden, eine lange Reise mit einem guten Freund (deinem heutigen Ehemann und Geschäftspartner) anzutreten. Berichte uns doch bitte, wie es dazu kam.

Der Schritt in die Selbstständigkeit war für mich riesengroß. Ich war schon sehr lange unglücklich in dem starren Korsett meiner vorigen Jobs und dem Gefühl, meine kostbare Lebenszeit zu verschwenden. Doch war ich immer sehr auf Sicherheit bedacht und mein Selbstvertrauen war nicht so groß, dass ich mir zugetraut hätte, auf eigenen Beinen zu stehen. Der Leidensdruck musste also erst verdammt hoch werden und mein Hund sehr krank, bis ich mich überwunden und die vermeintliche Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses aufgegeben habe. Der erste Tag meiner Selbstständigkeit begann daher auch nicht, wie geplant, mit einem Sektfrühstück und großer Aufbruchstimmung und Freiheitsgefühlen, sondern mit einer Panikattacke: ich musste mich übergeben und saß kurz darauf mit Schnappatmung heulend auf meinem Küchenfußboden und dachte immer wieder nur „Was hab ich getan?!“.

Der Sprung in die Selbstständigkeit war das Schwerste, was ich in meinem Leben bisher getan hatte. Danach kam mir dann plötzlich alles andere wie ein Kinderspiel vor. Ich erkannte, dass ich ja für meinen Job als Lektorin lediglich einen Laptop und Internet benötigte und von überall arbeiten konnte. Es war ohnehin Zeit für einen Neuanfang, in Köln hielt mich nichts mehr und auf einmal standen mir alle Möglichkeiten offen. Ich beschloss, mir einen Bulli zu kaufen und mit meinem Hund allein nach Norwegen zu reisen. Diesen Traum wollte ich mir schon so lange erfüllen und ich hatte keine Lust mehr, auf irgendetwas oder irgendjemand zu warten, ich wollte jetzt endlich los! Und wenn es gut lief, dann wollte ich weiter durch Europa reisen.

In dieser Zeit traf ich einen langjährigen Freund wieder, den ich zuvor etwas aus den Augen verloren hatte. Wir unterhielten uns und er fragte mich nach meinen Zukunftsplänen. Als er von der geplanten Reise hörte, wurde er ganz nachdenklich; später erfuhr ich, dass er seit Jahren davon träumte, genau das zu machen: mit einem Bus durch Europa reisen. Wir blieben in Kontakt, tauschten uns aus und beschlossen schließlich, dieses Abenteuer zusammen zu wagen. Für unsere Freunde und Familien war das spannend und zugleich verdammt schräg, denn schließlich waren wir kein Paar und hatten wahrlich auch nicht vor, eins zu werden.

Gab es ein Erlebnis auf eurer Reise, was dir rückblickend immer noch Gänsehaut verursacht?

Am letzten Tag der Reise hat Uli mir einen Heiratsantrag gemacht. Das ist natürlich nicht zu toppen …
Aber woran ich unheimlich oft denke, ist der gigantische Sternenhimmel, der uns jede Nacht in Griechenland geschenkt wurde. Sowas hatte ich noch nie gesehen. Einsame Strände, malerische Buchten, sternenklare Nächte am Lagerfeuer – das waren die magischen Gänsehaut-Momente!

Du hast berichtet, dass ihr nach der Reise nicht mehr in euer altes Leben zurückkehren wolltet. Warum und was hat sich seitdem geändert?

Vor der Reise wohnten wir beide im beliebtesten Ausgehviertel Kölns. Hier war immer viel los und alle Möglichkeiten lagen direkt vor der Haustür. Doch was wir am meisten auf der Reise genossen und lieben gelernt haben, ist die Ruhe und die Solitude in der Natur. Daher haben wir vor zwei Monaten ein Häuschen am Waldrand in der Vulkaneifel gekauft, was wir gerade gemeinsam renovieren.
Meine Selbstständigkeit als Lektorin läuft super und ich schreibe an eigenen Büchern. Unterwegs haben wir den Wenn Nicht Jetzt-Verlag gegründet, um den wir uns gemeinsam kümmern und der ebenfalls sehr erfolgreich ist.

Den Trubel der Stadt haben wir also eingetauscht gegen einen herrlichen Ausblick ins Grüne; statt in Clubs und Bars hängen wir jetzt in Baumärkten rum und statt Karriere in irgendeinem Unternehmen zu machen, verfolgen wir lieber unsere eigenen Projekte und Ziele und genießen die Freiheit des ortsunabhängigen Arbeitens.

 

Welche Mission und Vision habt ihr mit eurem Verlag „Wenn Nicht Jetzt“?

„Wenn nicht jetzt“ war das Motto unserer Reise und der Titel unseres Reiseblogs. Als wir die Idee mit dem Verlag hatten, fanden wir auch hierfür den Namen sehr passend, denn er bringt auf den Punkt, worum es uns geht: um Mut, Veränderung, Reise, Abenteuer und Neuanfang. Wir wollen mit unseren Büchern Menschen dazu ermuntern, etwas Neues zu wagen, aus dem frustrierenden Hamsterrad oder der eingesessenen Komfortzone auszubrechen, auf Reisen zu gehen und neue Länder, Kulturen und Lebensentwürfe kennenzulernen, um sich dann vielleicht für ein ganz anderes, ein neues Leben zu entscheiden.

Welche Themen behandelst du in deinen eigenen Erzählungen und Projekten?

In meinen eigenen Projekten geht es genau um die oben erwähnten Themen. Ich schreibe beispielsweise an Ratgebern mit Storytelling-Charakter, um handfestes Wissen und Tipps interessant zu vermitteln. Gleichzeitig ist aber auch ein Roman in (gedanklicher) Arbeit, in dem ebenfalls eine Reise die Grundlage der Geschichte wird.

Hast du ein bestimmtes Ritual von deiner Reise mitgenommen und in deinen Alltag integriert?

Jeden Morgen habe ich meine erste Tasse Kaffee mit nach draußen genommen und beim Genießen die jeweilige Umgebung in mich aufgesogen. Früh morgens als Einzige am Strand, in einem Wald, auf einem Berg, an einem Fjord, in einer kleinen Bucht oder am Rande eines Canyons zu stehen, mit einer dampfenden, warmen Tasse in der Hand, gab mir das Gefühl, überall auf der Welt zuhause zu sein. Auch wenn sich mein Ausblick jetzt nicht mehr täglich verändert, trinke ich meinen ersten Kaffee noch immer mit Blick ins grüne Tal, bewusst und in Ruhe, bevor der Alltag losgeht.

Außerdem machen wir nach wie vor leidenschaftlich gern Lagerfeuer. Jetzt zwar nicht mehr mit Treibgut am Strand, sondern im eigenen Garten, aber das Gefühl von Abenteuer und Freiheit ist trotzdem geblieben.

Was hast du zuletzt gewagt oder ausprobiert und welche private und/oder berufliche Herausforderung möchtest du als nächstes angehen?

Na ja, ich habe vor vier Monaten geheiratet, vor drei ein Haus gekauft, bin aus der großen Stadt raus aufs Land gezogen und führe ein sehr erfolgreiches Business inmitten einer lauten und dreckigen Baustelle. Das sind alles Dinge, die ich mir früher niemals hätte vorstellen können. Meine nächste große Herausforderung – neben Fliesenlegen und Gärtnern lernen – wird mein erster eigener Roman sein. Den will ich unbedingt schreiben und habe mich bisher noch nicht daran gewagt.

Zu guter Letzt: Was möchtest du der FIELFALT Community mit auf den Weg geben?

Die Entscheidung für meine Selbstständigkeit und zu der Reise war das Beste, was ich je gemacht habe. Ab da lief alles wie von selbst, sämtliche Hindernisse wurden auf nahezu magische Weise aus dem Weg geräumt, eins führte zum andern und mein Leben wurde mit jedem Tag noch aufregender und schöner. Heute bin ich ein anderer Mensch als damals, ich bin bei mir angekommen und so glücklich wie ich es mir nie hätte vorstellen können. Das klingt kitschig und übertrieben, ist aber die reine Wahrheit. Ich bin einmal mutig ins Ungewisse gesprungen und es ist, als hätte ich damit eine Lawine voll positiver Energie losgelöst. Ich lebe meinen Traum und das mit meiner großen Liebe an meiner Seite. Und ich bin mir heute sicher: Alles ist möglich!
Daher: Habt mehr Vertrauen in euch und euer Können und … springt!

 

Ramona Pingel studierte Kunstgeschichte, Erziehungswissenschaften und Psychologie. Als Redakteurin, Online-Redakteurin und Redaktionsleiterin arbeitete sie zehn Jahre in verschiedenen Verlagen. Seit 2017 ist sie als freie Lektorin tätig. Sie ist spezialisiert auf Selfpublisher und unterstützt unabhängige Autoren und Autorinnen dabei, ihren Büchern einen guten Start zu ermöglichen. Sie ist Mitbegründerin des Wenn Nicht Jetzt-Verlags und schreibt selbst Geschichten übers Reisen. Inzwischen lebt sie mit ihrer Familie am Waldrand in der Vulkaneifel. Mehr zu Ramona Pingel unter https://www.wnj-verlag.de/  und http://silbentaucher.de/

 

Fotos: ©Jennifer Fey (Portrait) und privat

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