EL: Entwicklung & Laufbahn

Von Bayern über Belgien nach Marokko und zur Gründung nach Deutschland

25. März 2021

Gastautorin: Maria Nowecki von Lyngual

 

Abwarten?! No way!

Abwarten und auf bessere Zeiten warten ist gar nicht mein Ding. Aufgewachsen in der bayerischen Provinz bin ich von Brüssel über Marokko in München gelandet und bin jetzt als Mitgründerin eines Tech Startups dabei, den unübersichtlichen Übersetzungsmarkt transparenter und effizienter zu machen.

Der Drang, auszubrechen

Nach dem Abitur wusste ich nicht, was ich studieren will, also war es naheliegend, erst mal für ein Jahr raus aus dem oberbayerischen Kaff und die Welt sehen. Aupair in Brüssel sollte es sein. Mein Französisch war nach einem Jahr zwar nicht unbedingt besser, dafür konnte ich passabel Englisch, hatte einen bunten Blumenstrauß an internationalen Freunden und war so angefixt vom europäischen Gedanken, dass ich angefangen habe, European Studies zu studieren. Die große Ernüchterung kam, als unerwartet meine Träume für ein Erasmussemester geplatzt sind. Nach zwei Tagen Versinken im Selbstmitleid habe ich mir spontan ein Praktikum für sechs Monate in einem Hotel in Essaouira an der marokkanischen Atlantikküste organisiert. Auf einmal war da wieder dieser Reiz, meine eigenen Grenzen auszutesten. Und ich wollte mir und meinem Umfeld natürlich beweisen, dass ich das durchziehe. Man kann sich vorstellen, wie begeistert meine Familie war. Brüssel war ja noch okay, aber das islamisch geprägte Marokko, als Mädel ganz allein… Da haben sie erst mal geschluckt. Lustigerweise hatte ich selbst überhaupt keine Angst oder Bedenken, dass etwas schiefgehen könnte. Also Koffer gepackt und los geht’s!

Während meines Praktikums habe ich mich relativ schnell zur rechten Hand der Schweizer Eigentümerin gemausert und hinter den Kulissen dafür gesorgt, dass alles rund läuft und mich um die Gäste gekümmert. Mit einigen von ihnen habe ich bis heute Kontakt. Wenn man einmal gemeinsam gegrillte Kamelleber auf dem Berbermarkt gegessen hat, schweißt das einfach zusammen.

Schon nach ein paar Wochen war klar, dass ich mir vorstellen kann, länger zu bleiben. So wurden aus sechs Monaten fast drei Jahre (mit Unterbrechung, um mein Studium zu beenden). Es war eine tolle und lehrreiche Zeit, in der ich sehr viel gelernt habe über die marokkanische Kultur und den Islam. Sogar den Arabischen Frühling habe ich vor Ort erlebt, auch wenn es in Marokko vergleichsweise ruhig geblieben ist. Was mich nachhaltig geprägt hat, ist die Einstellung der Leute zum Leben. „Inschallah“ wo immer man hinschaut. Bei den Marokkanern ist der Glaube und das Vertrauen, dass sich schon alles findet, allgegenwärtig. Das kann manchmal nerven, weil Vieles deutlich langsamer und ineffizienter funktioniert als wir es gewohnt sind, im Endeffekt ist es aber wunderbar entschleunigend.

Wenn das Heimweh ruft…

Nach fast drei Jahren war das Heimweh dann doch zu groß. Ich bin zurück nach München gezogen und habe als Assistentin der Geschäftsführung bei einer großen Übersetzungsagentur angefangen zu arbeiten. Ich hatte damals keine Ahnung von der Übersetzungsindustrie, aber dachte mir „Hey cool, die machen was mit Sprachen. Damit kannst du was anfangen“. So habe ich meinen heutigen Co-Founder Andreas kennengelernt, der mich als seine Assistentin eingestellt hat. Aus uns wurde über die Jahre ein tolles Team. Irgendwann waren wir beide an dem Punkt, an dem die Luft einfach raus und uns die Firma zu groß und schwerfällig geworden ist. Das waren nicht mehr wir. Irgendwie war klar, dass es Zeit wurde, weiterzuziehen, idealerweise als Tandem. Nach vielen Gesprächen und schlaflosen Nächten haben wir dann Anfang 2020 entschieden, mit unserem eigenen Language Tech Startup Lyngual an den Start zu gehen. Die wenigsten da draußen sind sich bewusst, dass der Markt für professionelle Übersetzung riesig und gleichzeitig unglaublich vielschichtig und unübersichtlich ist. Diese Komplexität wollen wir mit Lyngual rausnehmen, indem wir Übersetzer und Kunden über eine Plattform miteinander verknüpfen und Kunden an technologische Themen wie neurale maschinelle Übersetzung heranführen.

Gründung in der Pandemie

Die Zeit seit Gründung von Lyngual ist wohl die intensivste Zeit meines Lebens und bringt mich regelmäßig an meine Grenzen. Es ist schon unter normalen Umständen anstrengend, ein Startup hochzuziehen, es jedoch während einer weltweiten Pandemie zu machen, grenzt an Irrsinn. Ich frage mich oft, woher wir im vergangenen Jahr die Courage und Kraft genommen haben, trotz vieler Rückschläge weiterzumachen. Die Mühen haben sich gelohnt. Wir haben ein tolles Produkt, die Nutzerzahlen entwickeln sich prächtig und wir sind top motiviert, DIE Anlaufstelle zu werden für alles rund um professionelle Übersetzung. The sky is the limit!

Neulich habe ich gelesen: Machen ist wie wollen, nur krasser. Und es stimmt. Man muss komplett seine Scheu ablegen und sich erlauben, verschiedene Lösungswege auszutesten ohne Angst, Fehler zu machen. Gerade wenn man ein neues Produkt auf den Markt bringt, gibt es noch keine Trampelpfade, keine Best Practices, die sich bei anderen bewährt haben. Das sind dann die Momente, in denen ich mich an mein marokkanisches Urvertrauen erinnern muss, dass sich immer alles finden wird.

 

Über die Autorin: Maria Nowecki (Mia) ist aufgewachsen in der bayerischen Provinz und ist nach Stationen in Brüssel und Essaouira (Marokko) in München gelandet und jetzt als Co-Founder eines Tech Startups dabei, dem eingestaubten Übersetzungsmarkt neuen Schwung zu geben.

 

Weiterführende Links:

https://www.lyngual.com/

 

Titelbild: ©Photo by Peter Moers on Unsplash

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