FI: Forgestellt & Inspiration

FORGESTELLT: Anne-Marie Jentsch, HRlerin und Mitgründerin von Out Of Office Workations

18. November 2019

Anne-Marie Jentsch ist eine Kollegin aus dem Personalbereich mit so vielen Ideen und Tatendrang, dass man sich davon direkt anstecken lässt. Ihr liegen neue Arbeitsansätze sehr am Herzen. Dazu berät sie Firmen und hat sogar ein eigenes Unternehmen gegründet: Out Of Office Workations. Was es damit auf sich hat, wieso sie das Haus auch manchmal ohne Schlüssel verlässt und was an ihrem Leben alles „fielfältig“ ist, berichtet sie uns in diesem Portrait.

Liebe Anne-Marie, ohne welche drei Gegenstände verlässt du niemals das Haus?

Smartphone (mein mobiles Office), regendichter Rucksack (braucht man hier in Holland), Trinkflasche / Thermoskanne / wiederverwendbarer Becher

Ich hätte auch gern meine Schlüssel genannt, aber das wäre leider gelogen…

Was würde deine besten Freundinnen über dich sagen, wenn ich sie zu dir befrage?

Wie meine besten Freundinnen mich beschreiben würden? Ich nehme an, dass die Begriffe „unternehmungslustig“, „ambitioniert“ und „ein klein bisschen verrückt“ darin vorkommen würden. Witzigerweise – und doch gar nicht mal so erstaunlicherweise – treffen diese wohl auch auf meine Freundinnen zu. Bei unserem „Kuwi-Studium“ in Passau haben wir uns als in der Tat „fielfältige“ Truppe zusammen gefunden und treffen uns bis heute regelmäßig, obwohl wir mittlerweile in den verschiedensten Ecken Deutschlands und der Welt verstreut sind.

Du hast dich vor etwa einem Jahr selbständig gemacht. Berichte doch bitte, wie es dazu kam und was du anbietest.

Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Den Traum, mich irgendwann einmal selbständig zu machen, hatte ich schon lang. Ich war immer sehr „fielfältig“ interessiert. Jetzt passt das schon wieder! Mir war relativ zeitig klar, dass ich den Job, bei dem ich alle meine Interessen ausleben kann, wohl selbst kreieren muss. Eine Kombination aus „etwas mit Menschen“, „etwas mit Daten“ und „etwas mit Bewegung“.

Nach sieben sehr wertvollen Jahren in der strategischen HR-Beratung  war für mich letztes Jahr die Zeit reif, um es auszuprobieren. Ich hatte mich in den letzten Jahren immer mehr auf das Thema „Zukunft der Arbeit“ spezialisiert. Zunächst bekam ich 2015 die Chance mich in einem Projekt des Weltwirtschaftsforums intensiv mit der Frage zu beschäftigen, wie sich neue Technologien auf unsere Gesellschaft auswirken. Die Projektpublikation ist übrigens immer noch einen Blick wert, wenn ich das ganz bescheiden sagen darf. Während meines anschließenden Sabbaticals erkundete ich unter anderem New York, Boston, Seattle und San Francisco sowie Medellin und Rio de Janeiro, um herauszufinden, was sich dort so in Sachen Innovation und neue Arbeitsformen entwickelt. Zurück in Europa wechselte ich in das Amsterdamer Büro meines Arbeitgebers und begann vermehrt zu „neuen Arten des Arbeitens“ zu forschen und zu beraten. Viele Organisationen in den Niederlanden und auch in Deutschland haben da in den letzten Jahren tolle Initiativen gestartet. Flexiblere Arbeitsmodelle, neue Technologien, die unter anderem ortsunabhängiges Arbeiten unterstützen, neue Team- und Organisationsstrukturen, agilere Arbeitsweisen, mehr Fokus auf Data Analytics und und und. Da wollte ich natürlich ausprobieren, wie es sich in dieser vielbesungenen „Gig Economy“ denn so lebt und welchen Impact ich mit meinen Skills machen kann. Out of Office Consulting ward geboren.

Neben deiner HR Tätigkeit hast du ja auch Out Of Office Workations gegründet. Was genau verbirgt sich dahinter und was ist deine Vision?

In der Tat. Das mit den „fielfältigen“ Interessen (ok, letztes Mal, dass ich dieses Wortspiel benutze) hatte ich ja schon erwähnt. Neben der „Zukunft der Arbeit“ fasziniert mich auch die Startup-Welt, in der neue Ideen und neue Technologien „lean“ am Markt getestet werden und kontinuierlich weiter entwickelt werden, bis sie Kundenbedürfnisse treffen. Auch das wollte ich ausprobieren, mit einer Idee, die ich zusammen mit einer guten Freundin entwickelte. Marie führt einen Coworking-Space in Davos, ich kenne mich mittlerweile ganz gut in der Amsterdamer Coworking-Szene aus. Die Idee war zunächst, Corporate Teams einen Einblick in diese Welt zu geben. Während eines Coworking-Trips in die Schweizer Berge oder ins hippe Amsterdam können die Gruppen sich inspirieren lassen und als Team an Innovationen arbeiten. Work-Life-Balance und Teambuilding spielen dabei natürlich auch eine wichtige Rolle, denn ich bin davon überzeugt, dass sie Grundpfeiler dieser neuen Arbeitskultur sind. Beim Testen dieser Idee stellten wir fest, dass viele europäische Kunden, wenn sie schon „Out of Office“ gehen, gern in die Sonne möchten, insbesondere in den Wintermonaten. Wir boten also zunächst Workations auf Mallorca und in Portugal an. Da bei Out of Office Workations aber auch nachhaltiges Reisen groß geschrieben wird, haben wir in den letzten Monaten das Portfolio an Workation-Häusern insbesondere hier in den Niederlanden, in Deutschland und der Schweiz ausgeweitet. Ich bin überzeugt, dass man auch ganz in der Nähe eine inspirierende Workation haben kann. Bio-Bauernhöfe, familiengeführte Hotels, Airbnbs – es gibt so viele tolle Orte, um einmal von anderswo zu arbeiten und dabei auch noch die lokale Wirtschaft zu unterstützen und die Umwelt zu schonen. Die Vision ist ganz klar: Teams zu inspirieren und bei der Weiterentwicklung zu unterstützen – durch eine Workation in einmaligem Setting, mit einmaligem Rundum-Service.

Du bist sehr stark in der Thematik rum und neue Arbeitsprozesse involviert. Was sind deiner Meinung nach die größten Hindernisse, um neue Modelle zu integrieren und zu leben (bei den Unternehmen und bei den Mitarbeitern)?

Eine sehr gute Frage. Das größte Hindernis ist meiner Meinung nach, dass so viele Mitarbeiter und Führungskräfte so viele Hindernisse sehen. Natürlich bringen die neuen Methoden und Tools nicht nur Vorteile mit sich und es braucht Zeit, bis sie so eingeführt und erlernt wurden, damit sie wirklich große Sprünge ermöglichen. Oft werden neue Praktiken vorzeitig abgestempelt. Hier ist es wichtig, dass der Belegschaft die Vision aufgezeigt wird: Was werden diese neuen Arbeitsweisen nach ein paar Monaten bringen und wie wird das jeden Einzelnen weiterbringen. Es ist wichtig, die Belegschaft Teil des Veränderungsprozesses zu machen, sie eigene Ideen einbringen zu lassen, Feedback anzuhören und darauf basierend Verbesserungen zu implementieren und ihnen auch Verantwortung für den Veränderungsprozess zu geben. Die Neuerungen sollten nichts sein, was von oben diktiert wird, sondern sie sollten von allen getragen und vorangetrieben werden, weil jeder Einzelne erkannt hat, dass das Unternehmen ohne diese Neuerungen in nur wenigen Jahren eventuell nicht mehr besteht.

 

Anne-Marie bei der Arbeit an ihren vielen Ideen

Selbständigkeit wird oft mit „selbst“ und „ständig“ gleichgesetzt. Wie erkennst du selbst deine Grenzen und was tust du, um abzuschalten und deine Energien aufzuladen?

Eine weitere sehr gute Frage. Dadurch, dass ich so viele Interessen habe, habe ich mir schon immer viel vorgenommen – teils zu viel. Noch diese Sprache lernen, jenes Land bereisen, über dieses Fach lernen und oh – das andere Fach ist aber auch so interessant. Ein paar Jahre lang geht das gut und irgendwann kommt man an den Punkt, wo der Körper STOP sagt: „Ist ja schön und gut, dass dein liebes Gehirn nach immer neuem Input begehrt, aber ich bin auch wichtig.“ Nach einigem Widerstand habe ich nachgegeben. Ich habe mein Hobby Kitesurfen mehr in meinen Lebensmittelpunkt gerückt, mir regelmäßig Zeit für Yoga genommen und in einem 8-Wochen-Mindfulnesskurs über Achtsamkeit und Meditation gelernt. Das versuche ich seitdem täglich in meinen Alltag zu integrieren und regelmäßig Pausen zu machen. Wie du sagst: Die Flexibilität der Selbständigkeit hilft dabei natürlich zum einen, zum anderen musste ich aber auch lernen, dass ich mir selbst Grenzen setzen muss und meine Agenda noch stringenter organisieren muss als zuvor. Wer davor Angst hat, den kann ich allerdings beruhigen: Man wächst mit seinen Aufgaben. Hat man erst einmal realisiert wo es hakt, gibt es viele Möglichkeiten: Apps, Netzwerke von Selbständigen, Meetups, Accountability Buddies, zum Beispiel.

Du lebst in Amsterdam. Was fehlt dir dort, was es in Deutschland gibt und was würde dir aus den Niederlanden fehlen, wenn du wieder in Deutschland leben würdest?

Mir fehlt hier wirklich nicht viel. Meine Familie natürlich, die ich wegen der Distanz nicht häufig genug besuche und vielleicht die Berge. Ich genieße es immer mal in die Berge zu kommen – bin dann aber auch wieder froh, wenn ich zurück nach Holland an den Strand komme.

Was mir in Deutschland fehlen würde? Tony Chocolonely! Oder gibt es das mittlerweile dort auch in jedem Supermarkt? Ich bin bekennender Fan des fairen Schokoladen-Startups und schicke alle meine Gäste in die Tony-Chocolonely-Headquarters in Amsterdam (die zufälligerweise sogar in Laufdistanz der „Out of Office Headquarters“, meiner Wohnung, sind). Das Unternehmen hat es geschafft in einem gesättigten Markt (im wahrsten Sinne des Wortes) ein Produkt einzuführen, dass mehr als doppelt so teuer ist, dafür aber durch nachweisbar faire Produktion besticht. Und seine „Weltverbesserermission“ nicht als Moralpredigt verkauft, sondern durch Innovation und Witz Menschen emotional mitnimmt. Zudem scheinen die Mitarbeiter echt gern dort zu arbeiten, da kann man sich in Sachen Unternehmenskultur etwas abschauen. Und schmecken tut die Schokolade natürlich auch!

Hast du ein persönliches Motto?

Nein. Ich bin noch auf der Suche. Ich stoße immer einmal wieder auf tolle Zitate, vor allem in Biografien, die ich gern höre oder lese. Ich freue mich über Inspiration in den Kommentaren – was sind eure persönlichen Mottos?

Was hast du zuletzt gewagt oder ausprobiert und welche private und/oder berufliche Herausforderung möchtest du als nächstes angehen?

Mein letztes großes Abenteuer war definitiv der Kite-Marathon „Hoek tot Helder“. Zusammen mit 300 anderen Kitern fuhren wir an einem Tag vom Süden der Niederlande (Hoek van Holland) entlang der Küste fast bis nach Den Helder in Noord-Holland. Ich habe nach 115km von 130km aufgegeben, weil der Wind immer stärker wurde und ich mich nicht mehr sicher fühlte. Zwar eine kleine Niederlage, aber ich bin immernoch stolz auf diese Entscheidung, da sie mir gezeigt hat, dass ich nicht (mehr) immer über meine eigenen Grenzen hinaus gehen muss. Und die 850 Euro, die ich vorab von fast 30 Freunden und Kollegen eingesammelt hatte, gingen trotzdem an die niederländische Hartstichting, wurden also für den guten Zweck gespendet.

Die nächsten Herausforderung in beruflicher Sicht ist definitiv Out of Office weiter aufzubauen. Da habe ich richtig Lust zu. Und das gute Feedback, dass ich bisher von meinen Kunden bekommen habe, motiviert mich umso mehr.

Zu guter Letzt: Was möchtest du der FIELFALT Community mit auf den Weg geben?

Ich bin sicher, viele von euch finden sich in einigen der Punkte wieder, die ich angesprochen habe. Egal an welchem Punkt eurer persönlichen Reise ihr seid, hört in euch hinein und vertraut auf eure Intuition. Bei mir ist das bisher noch immer gut gegangen.

 

Mehr zu Anne-Marie und ihren Out Of Office Workations findet ihr unter https://workation.works

Auf den sozialen Medien unter https://instagram.com/oooworkations und https://www.facebook.com/oooworkations/?ref=br_rs sowie unter https://www.linkedin.com/in/annemariejentsch/ und außerdem unter https://www.linkedin.com/company/out-of-office-workations/

Fotos: ©Renée van Doorn (@frankbyrenee)

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