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FORGESTELLT: Sophia Maier – Faces of Nepal

1. Februar 2016
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Darf ich vorstellen… Sophia, 28, Wohnort: Immer dort, wo ihr Herz am lautesten schlägt. Denn Sophia ist meistens auf der Suche. Nach sich, nach einer gerechteren Welt oder nach ihrem Hund Lulu, der selten hört, wenn sie nach ihm ruft. Alles begann, als sie 2012 für einige Zeit in dem Township Soweto in Südafrika lebte und in einem Kinderheim arbeitete. Seitdem zieht es sie immer wieder raus in die Welt – wie zum Beispiel nach Nepal. Dort hat sie nach dem Erdbeben nicht nur geholfen, sondern auch fotografiert. Entstanden ist das Projekt „Faces of Nepal“, mit dem sie bis heute Spenden für die Erdbebenopfer des südasiatischen Landes sammelt. Jeder kann die Bilder online kaufen – der Erlös fließt zu 100% nach Nepal.

Liebe Sophia, wer bist Du genau? Stell Dich doch bitte unseren Lesern einmal vor.

Sophia: Ich bin Journalistin, Weltreisende und Sinnsuchende.

© Sophia Maier

© Sophia Maier

Und ich fotografiere. Am liebsten Menschen. Gesichter von Menschen, deren Augen, Fältchen oder Mundwinkel die schönsten, bewegendsten und traurigsten Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Gesichter, in denen ich mich beim Betrachten verlieren kann. Aber nur im ersten Moment. Je länger ich sie anschaue, umso mehr kann ich mich darin auch finden – oder wiederfinden. Das fasziniert mich ungemein.

Wie kam es zu dem Projekt „Faces of Nepal“?

Sophia: Ich habe 2014 mehrere Monate in Nepal gelebt, dort in einem buddhistischen Kloster als Englischlehrerin gearbeitet und einen Monat im Himalaya verbracht. In dieser Zeit hab ich meine Liebe für das Land entwickelt. Nepal wurde in dieser intensiven Zeit mein ganz persönliches Land der Hoffnung. Mein Herzensland.

Nach dem Erdbeben bin ich dann zweimal nach Nepal geflogen und habe dort das Projekt „Hilfe für Nepal“ weitergeführt und unterstützt. Ich war in zerstörten Dörfern, in Schulen und Waisenhäusern und habe die Erdbebenopfer mit dem Nötigsten versorgt. Währenddessen sind die Portraits von Menschen entstanden, die es weit schlechter als alle von uns haben: „Faces of Nepal.“ Menschen, die vor dem Erdbeben schon in totaler Armut lebten, aber danach einfach alles verloren haben. Ihre Unterkünfte und ihr gewohntes Leben. Aber auch ihre Kinder, Ihre Mütter und Väter, ihre Schwestern und Brüder. Einfach das, wofür es sich zu leben lohnt: Die Menschen, die wir lieb haben.

Gibt es DIE rührendste Geschichte?

Sophia: Jede Begegnung hat mich geprägt. Denn jede Begegnung hat mir etwas über das Leben erzählt, sei es eine Weisheit oder auch nur eine winzige Einsicht, die ich zuvor noch nicht begriffen hatte, geschweige denn spürte.

Aber es gibt eine Geschichte, die mich bis heute einfach nicht losgelassen hat. Ich bin in einer Stadt nahe der Hauptstadt Kathmandu einer alten Frau begegnet. Sie saß am Straßenrand, umgeben von Müllsäcken. Sie war ausgehungert und schrecklich schmutzig. Ich ging in einen kleinen Kiosk nebenan und kaufte ihr mit dem Kleingeld, dass ich noch einstecken hatte, Saft und Kekse. Als ich es ihr überreichte, fing sie zu weinen an. Sie griff nach meinen Händen, drückte sie ganz fest und betete für mich, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. Aus Dankbarkeit. So habe ich auf das Bild getauft.

Wie hat Dich die Arbeit nachhaltig geprägt? Hast du Dein Leben umgekrempelt?

Sophia: Ja, das hat sie. Einerseits zum Guten, denn die Arbeit und die Begegnungen mit den Menschen waren sehr lehrreiche Momente für mich. Weil ich dadurch besser verstanden habe, was wirkliches Leid und wahrhafter Verlust bedeuten. Und welchen Nichtigkeiten ich in meinem ganz eigenen Leben Bedeutung beimesse.

Ich hab auch verstanden, was wirkliche Hoffnung und wahres Glück sind. Man sollte meinen, dass ein Mensch unter Umständen wie nach dem Erdbeben zumindest sehr unglücklich ist, oder? Aber alle, denen ich begegnet bin – alle Menschen auf meinen Bildern – waren so freundlich und zuvorkommend, so hoffnungsvoll und positiv, haben so viel gelacht und gestrahlt und gekämpft, wie ich es in meinem guten und westlichen Leben selbst oft nicht schaffe. Eigentlich verrückt, dachte ich mir in diesen Augenblicken ziemlich oft.

Das ist die eine Seite. Andererseits ist es auch schwerer geworden, mich in unserer Welt zurechtzufinden und vor allem: mich zufrieden zu geben. Deswegen werde ich im Jahr 2016 verstärkt auf Projekte fokussieren, mit denen ich etwas beitragen kann – nicht hinter dem Schreibtisch, sondern mit meinen Händen und meinem Herzen. Denn eines habe ich auch gelernt: Wir sind nicht ohnmächtig. Jede Tat zählt.


 

Dankbarkeit


 

© Sophia Maier

© Sophia Maier

„Ich treffe dich in Bhaktapur. Du kauerst am Straßenrand, direkt neben einem Müllberg. Der Schmutz der Straße überzieht deine Haut wie ein leichter Film, die stinkenden Abgase der Autos kümmern dich offensichtlich schon lange nicht mehr. Außer der Kleidung an deinem Körper trägst du nichts bei dir. Ich bleibe kurz stehen und starre dich an. Dann wandert mein Blick zu deinem Gesicht. Dein Kopf hebt sich, du siehst mich an. Selten haben mich so traurige und gleichzeitig hoffnungsvolle Augen angeblickt. Du erzählst mir auf Nepalesisch, was dir widerfahren ist. Dabei wird deine Stimme immer lauter, verzweifelter, klagender. Während du sprichst, bewegst du deine Hand zum Mund. Ich verstehe deine Worte nicht, aber ich verstehe deine Bedürfnisse. Ich hole Kekse und Saft und reiche sie dir mit einem bisschen Geld, das ich noch übrig habe. Deine Augen beginnen zu glänzen. Du sprichst Gebete, segnest mich mit so viel Liebe. Noch nie hat mir jemand so viel ehrliche Dankbarkeit für so wenig geschenkt. Wie ich später erfahre, hast du deine Habseligkeiten durch das Erdbeben verloren. Jetzt bist du allein. Ich habe dir nur ein bisschen Aufmerksamkeit geschenkt. Dafür hast du mir viel mehr über das Leben erzählt, als du jemals wissen wirst.“


 

Weisheit


 

© Sophia Maier

© Sophia Maier

„Du wirkst gebrechlich, als du deinen alten, müden Körper aufrichtest. Du hast tief geschlafen, auf einer schmalen Steinmauer, im Schatten eines großen Baumes. Mit deinen schmächtigen Händen stützt du dich ab und ziehst deinen Oberkörper langsam nach oben, reibst dir erschöpft die Augen. Das ist der Moment, in dem sich unsere Blicke treffen. Dieses Gesicht, dein Gesicht. Es zeigt mir so viele Geschichten, ich sehe sie vor mir, Bilder durchströmen mich. Die schräge Falte unter deinem linken Auge erzählt von leidvollen Momenten, die Lachfalten genau darüber lassen erahnen, wie viel Freude du deinen Liebsten und den Fremden in all den Jahren geschenkt hast. Ich wandere langsam weiter zu deinen glänzenden Augen. Ich sehe den Schmerz, den dir die Welt zugefügt hat. Aber gleichzeitig verbirgt sich hinter diesen Augen mehr. Liebe für mich, Liebe für das Leben. Denn du hast dich entschieden, wer gewinnt.“


 

 Stolz


 

© Sophia Maier

© Sophia Maier

„Die heiße Asche der Zigarette fällt auf deine nackte Haut. Du schaust ernst, fast streng, während der Rauch langsam deinem Mund entweicht. Ich bin in dein Dorf gekommen, um Lebensmittel zu verteilen. Die Kinder und Erwachsenen stürmen auf mich zu, reißen mir die vielen Tüten aus den Händen. Du aber bewegst dich nicht, schweigst, schaust mich nur unverwandt an. Als ich mich schließlich einige Meter entfernte, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie du deiner Enkelin zufrieden über den Kopf streichelst und etwas zu ihr sagst. Du scheinst froh zu sein, dass sie heute nicht hungern muss. Für dich aber wäre es nie infrage gekommen, etwas anzunehmen. Dein Stolz hat gesiegt.“

Ihr habt Fragen oder Anmerkungen zu „FORGESTELLT: Sophia Maier – Faces of Nepal“? Ihr möchtet Sophia unterstützen? Dann hinterlasst einen Kommentar, besucht die Webseite www.facesofnepal.org oder schreibt ihr unter sophiamaier@yahoo.com –
Eure Julia
Bildquelle: © Sophia Maier

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